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Mein Text 4

Wann kann man von einem „Reiter“ sprechen?

 

 

Wie ich auch im Vorangegangenen schon mehrfach bemerkt habe, ist die Definition des Reiterbegriffes sehr diffizil.

 

Denn: Jeder, der sich auf den Rücken eines Pferdes setzt, nennt sich mittlerweile Reiter.

 

Eine wohl zutreffender Definition wäre: Ein Reiter ist jemand, der in Einklang mit dem Pferd auf harmonische Weise arbeitet und dabei in vollem Wissen über dessen Bedürfnisse, Eigenarten und die allgemein geltenden Bestimmungen im Umgang mit den Vierbeinern (nachzulesen in guter Fachliteratur) ist.

 

 

Hört sich nett an, doch so sieht die Realität keineswegs aus. Die wenigsten kennen die Eigenarten des Pferdes und was dem Pferd zuteil werden sollte und muss. Denn die meisten scheinen die Weisheit mit dem Löffel aufgenommen zu haben und machen sich nicht die Mühe sich weiteres Wissen anzueignen oder einem wirklich guten Ratschlag eines Fachmannes Folge zu leisten.

 

Jeder gibt zum Thema Pferd seinen Senf dazu und dabei herum kommt ein heilloses Durcheinander und ein Vierbeiner, der dafür gar nichts kann und unter den Folgen leiden muss.

 

Das oben beschriebene Phänomen „Barbie“ ist nur eine Begleiterscheinung des Volkssports Reiten, der mehr und mehr seine Kreise in die Gesellschaft findet und Hans und Franz animiert sich auf den Pferderücken zu schwingen und, was wohl noch schlimmer ist, sich ein eigenes Pferd zu kaufen.

 

Weiterhin gibt es diejenigen, die ihr Pferd als einem Menschen ähnlich ansehen: So wird dem Tier nicht nur allmögliches eingeflösst, es wird nicht nur verhätschelt und dementsprechend artungerecht gehalten, es gibt die stark aufkeimende Mehrheit derjenigen, die meinen ein Pferd körperlich schmücken zu müssen. Damit sind an dieser Stelle ausgefallene, in das Fell eingeschorene Muster gemeint, die zudem mit Farbe verziert werden.

 

 

Warum? Warum muss ein Pferd farblich geschmückt sein? Warum haben Menschen das Bedürfnis das, was von der Natur aus gegeben und geschaffen wurde zu verändern. Dies bezieht sich bei weitem nicht nur auf die Pferde, sondern auch auf uns selbst und auf unser Verhältnis zur Natur.

 

 

Solche Menschen, die offensichtlich die natürlichen Gegebenheiten des Pferdes missachten, sollten meiner Meinung und der oben angebrachten Definition nicht als „Reiter“ bezeichnet werden.

 

Mit dem Moment, da wir ein Pferd in unseren besitz aufnehmen, ist es unsere Pflicht uns um es zu sorgen.

 

Ich benutze diesbezüglich gern die Metapher eines kleinen Kindes. Denn nichts anderes ist letztendlich ein in unsere Obhut gegebenes Tier: Es ist auf uns angewiesen, darauf dass wir uns um es sorgen.

 

Allerdings ist das Pferd nur leider allzu oft „Gegenstand“ als Lebewesen und allzu oft vergessen diejenigen, die sich als ihre Besitzer und Reiter ausgeben, was es braucht und was es keinesfalls haben darf.

 

Wie ich bereits im ersten Kapitel angesprochen habe, muss sich der Mensch mit den Eigenarten und Bedürfnissen des Pferdes auskennen, sonst kann er sich gar nicht artgerecht ihm gegenüber verhalten.

 

Jedoch meinen viele, die sich aus finanziellen gründen ein Pferd leisten können alle anderen gebiete vernachlässigen zu können. Auch hier führe ich ein Beispiel an: Ein Mädchen, mitten in der Pubertät und dem Phänomen „Barbie“ zugehörig, bekommt ein junges Pferd von den Eltern gekauft, dass in der Abstammung, wie auch im Preis Top ist.

 

Von reiterlichem Talent keine Spur. Nun ist dieses Mädchen inklusive der Eltern, die ja sehr stolz auf das Töchterchen und das Prestigemerkmal des teuren Pferdes sind, allerdings anderer Meinung.

 

Sie wird sich also tagtäglich mit dieser Überzeugung auf den Rücken dieses jungen Pferdes schwingen, es mit Schlaufzüglen traktieren (siehe dazu „Rollkur“ im ersten Kapitel) und sich in regelmäßigen Abständen in den Privatreitstunden erzählen lassen, wie toll sie doch reiten könnte und wie bald Turniererfolge höchsten Maßes eintreten würden.

 

Also wird sie so weiter machen wie bisher – denn: keiner sagt ihr, dass das was sie tut falsch ist und letzten Endes dem jungen, unerfahrenem Pferd schadet.

 

Die Frage, warum niemand etwas sagt ergibt sich daraus, dass viele es ebenfalls nicht besser wissen, der Reitlehrer die Dollarzeichen vor Augen hat und diejenigen, die etwas sagen, nicht einmal erhört werden oder deren Einwände mit Arroganz abgetan werden.

 

Die Folge aus dieser Reaktionskette ist ein unreitbares Pferd in noch zartem Alter, das dann abgeschoben wird und – schwupp di wupp – hat das Mädel von Papa ein neues und natürlich besseres bekommen, denn das Pferd war ja für die Kleine nicht reitbar.

 

Ich muss an dieser Stelle eingestehen, dass es mich geradezu mit Zorn erfüllt, was ich im vorangegangen geradezu mit Ironie beschrieben habe:

 

Es grenzt geradezu an Tierquälerei, wenn man nur weil man das entsprechende Kleingeld hat, sich ein Pferd nach dem anderen kaufen kann, um es zu verhunzen.

 

 

Junge Pferde und deren Ausbildung bedürfen eines großen Maßes an Erfahrung, geduld, Wissen und Zeit. Zeit, Zeit, Zeit !!!!

 

Leider sind viele der so genannten „Ausbildungsställe“ mehr oder minder nur auf Profit aus. So wird das junge Pferd im zarten Alter von drei Jahren brachial an den Reiter „gewöhnt“.

 

Zumeist mit Gewaltanwendung und ohne jegliche geduld wird der Vierbeiner zu Gehorsam gezwungen.

 

Der Erfolg tritt nach mehr oder weniger starkem widersetzen ein – aber nur für kurze zeit.

 

Denn: Wird ein Pferd, was gerade erst drei tage unter dem Sattel, an den es gewiss nicht mit Ruhe und geduld gewöhnt wurde, geht, mit Schlaufzügeln zusammengezurt, verlässt man bereits hier den natürlichen Pfad der Ausbildung. Diese Pferde werden niemals zu ausgeglichenen, konstanten und reitbaren Partnern im Sport werden.

 

Wenn sie teuer verkauft wurden, denn von außen sehen sie gut ausgebildet aus, so werden die neuen Besitzer bald ihrer überdrüssig sein, denn die Quittung für die unstandesgemäße Ausbildung folgt. Vielleicht nicht allzu bald, aber sie wird folgen und dann wird der Vierbeiner, wie ich es in meinem Beispiel oben schon beschrieben habe, einfach abgeschoben und der nächste rückt an seine Stelle, der die gleiche Ausbildung hinter sich hat und der Teufelskreis geht von vorne los.

 

Die wenigen Ställe, die sich die korrekte, der Reitlehre folgende Ausbildung junger Pferde auf die Fahne geschrieben haben, gehen in diesem drauf und drunter regelrecht unter. Sie haben gar keine Chance gehen diese regelrechte Fließbandproduktion der Pferde anzukommen, wenn sie nach der „Skala der Ausbildung“ vorgehen.

 

Die „Skala der Ausbildung“ meint eine stufenartige Ausbildung des jungen Pferdes angefangen bei Takt, darauf folgend Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, gerade richten und als letzten Punkt Versammlung. Diese Skala führt, wenn sie in der Reihenfolge und korrekt und vor allem in angemessener Lehrzeit für das junge Pferd angewandt wird, zur Durchlässigkeit, welche das höchste Ziel der Reiterei sein sollte.

 

Zu meiner Überraschung habe ich gesehen und gehört, dass einige die Skala, die sie in Wirklichkeit nicht einmal kennen, gleichsam von hinten angehen: So wird das Pferd, gemäß der Rollkur, zusammengezogen, sodass man mit viel Fantasie von einer „Versammlung“ sprechen kann, dabei hat der Vierbeiner noch nicht einmal ein Taktgefühl.

 

Und allen ernstes behaupten diejenigen, die das tun, dass das auch so gemacht werden müsse, weil das Pferd sonst nicht anders ginge und es sei auch gewohnt.

 

Meiner Überzeugung nach kann es kein Pferd geben, dass sich an schmerzen gewöhnt.

 

Die schiere Unwissenheit der Menschen spiegelt sich auch darin wieder, dass sie ein Pferd für „lahm“ halten, wenn es zusammengeschnürt, taktlos läuft. Aber wie soll es auch losgelassen und locker im takt laufen, wenn der Mensch auf seinem Rücken ihm nicht einmal die Chance dazu gibt?!

 

 

Ich habe bisher vornehmlich die schlechte Seite der Reiterschaft aufgeführt, möchte aber an dieser Stelle darauf verweisen, dass es glücklicherweise noch sehr viele gibt, die sich ihrer Verantwortung im Umgang mit dem Lebewesen Pferd bewusst sind und meinen Kritikpunkten in keiner Weise zugeordnet werden können.

 

Auf der anderen Seite nimmt die Zahl derer, die meinen Ausführungen entsprechen, erschreckend zu. Ich kann dies aus eigener Erfahrung bestätigen, allerdings auch die andere Seite stützen.

 

Für mich ergibt sich allerdings die Problematik einen Lösungsansatz zu finden. Denn es ist nicht möglich die Pferde vor solchen Menschen zu bewahren und auch keine denjenigen die Augen zu öffnen, die die Möglichkeit hätten in einem gewissen Umfang Einfluss darauf zu nehmen.

 

Ich hoffe allerdings hierdurch die Augen ein Stück weit empfänglicher für diese Problematik, die sich in weiten kreisen durch deutsche Reitställe schlägt, gemacht zu haben.

 

Nicht einer kann den Pferden helfen, nur alle können es und nur dann, wenn sie sich nicht von subjektiven Bedürfnissen leiten lassen, sondern dann, wenn sie es in Zusammenarbeit mit anderen für die Pferde tun.

 

27.4.07 11:17
 


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